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„Es wäre einfach, sich auf die sieben Kapitelüberschriften zu verlassen, die die verschiedenen Phasen der Erzählung unterteilen, und zu versuchen, damit eine sichere Vorstellung davon zu bekommen, was diese mit "Geistzeit" zu tun haben könnte. Wie in "Stalker" finden wir uns mit einer Suche konfrontiert, die nur in einer offenen Frage enden kann, in einer reinen unbekannten Struktur eines geschlossenen tarkowskijschen Raumes – der Raum, der hier beschrieben wird, ist Beispiel eines Konzepts von einem sehr speziellen, klaustrophobischen Ort, von dem Eindeutiges auszugehen unmöglich erscheint: keine Suche nach Antworten oder Fragen, nur Reproduktionen. Was tatsächlich in Sektor 16 in kurzen Metaphern umgesetzt wird ist die Existenz. Die Mühsal der Jugend gefangen im Gewissen, der ethische Kollaps, die zerstörten Träume und das reife Bewusstsein.


Aber das Film-Kollektiv hat sich nicht darauf beschränkt. Denn tatsächlich ist das aktuelle experimentelle Kino in seiner stilistisch einwandfreien und sorgfältigen Strukturierung gefangen und die besten Exponenten dieser Filmsprache verloren ihr grundlegendes Konzept aus den Augen: nämlich etwas Einzigartiges zu schaffen.

Hier sehen wir eine Art kognitiven Prozess, der wie eine Genese (von der Kindheit bis zur letzten Figur der Mentors, das Erwachsenenalter passierend ) dargestellt wird, der die Kantsche Lehre als eine Methode der Annäherung an die Außenwelt anerkennt. Es ist eine Kunst, die analytisch das hinterfragt, was uns umgibt. Es ist ein rein synthetisches Verfahren mit erkenntnistheoretischen Ansatz ohne eine mythische Komponente, die von der Harmonie des Gleichgewichts beherrscht wird (wie wir bereits aus dem Titel "Geistzeit", der „deutsche Geist“ und „Zeit-Geist-Zeit“ erraten können). Die Interpretation als Arbeitsschlüssel entfällt damit bzw. ist gar nicht vorhanden.

Es ist die Rede von einem Wachstum, das zu verstehen ist als die Schwierigkeit bei der Überquerung der Zeit. Es ist ein Ekstase-Fieber, das später in eine beruhigende Harmonie gipfeln wird, in einer geistigen Fülle am „Ende einer Straße“. Doch dies scheint nicht zu einem Abschluss zu führen (weder religiös noch philosophisch), keine Erfüllung einer Dreiecks-Formel (A Spell Ward of the Darkness), die keine Lösungen anbietet, sondern nur eine Erklärung, das Konzept einer Realität, das wiederum nur erklärt werden kann - wie im Sinne von Brakhage in seinem Film "Dog Star Man". Aber wenn die Formel ein geschlossener Kreislauf ist, wo alles ungewöhnlich stillsteht und sehr speziell ist (Anfang und Ende, die in etwa den Phasen des Lebens entsprechen: Jugend, Reife, und unerwarteterweise auch Weisheit, in der zuvor erwähnten Figur des Mentors), dann ist es sinnvoll, zu klären, wie diese Formel aussieht:

Ein Junge scheint die unwegsamen verschneiten Felsen bergauf zu steigen, dort an die Spitze gekommen, gräbt er in der Mitte ein großes Loch und wirft sich hinein. Ein Mann läuft auf geheimnisvollen Wegen, die von  einwickelndem Rauch verdeckt werden, deren Bedeutung man nur vermuten kann. Nachfolgend wird der Film immer komplexer, die Erzählung schlägt den Weg des Experimentellen ein; Halluzinationen aus Blau und Rot erscheinen, ein schwer fassbares Heulen und seltsame Geräusche ertönen, aber das üppige Grün der Natur führt uns zu dem letzten der drei Wege, zu einem Weisen, der uns an das Meisterwerk von Flüsse und Russell erinnert. Schließlich kehren wir zu den schneebedeckten Weiten zurück, der Weise trifft den Erwachsenen und das Kind erscheint wie in epileptischen sequenziellen Mitteilungen von der Kamera, die in unkontrollierbaren Abständen bis zum endgültigen Frieden escheinen, dem Ende der Geschichte.
Da der filmische  Entstehungsrozess in einer Arbeitsgruppe stattgefunden hat, ist der Film das Ergebnis von vielen Jahren Arbeit und zeigt trotzdem in der formalen Ausführung eine beispielhafte Koinzidenz, die keine klärende Hermeneutik braucht.

Der Arbeitsprozess zeigt die Reifung eines geistigen Lebens im Leben selbst, die Einnahme eines Geistes im Körperbewusstsein wird durch- und vorgeführt. Nichts anderes ist die Physis, ständig vermischt sie sich mit dem gleichen Material zu etwas Übersinnlichen/Transzendentalem.“

Cinepaxy / Mailand

Das italienische Filmmagazin hat den Film GEISTZEIT, als erste deutsche Produktion überhaupt, auf ihre Liste der cineastischen Meisterwerke der Filmgeschichte, die insgesamt 16 Filme umfasst, aufgeführt (2017).

 

Produktion: Organisation zur Umformung des Kinos 2012

Erstaufführung: 22./23.6.2012 Kino im Sprengel