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Kann die Filmkunst zur Menschwerdung beitragen?

Es ist ein Problem des Bewusstseins und der Sprache, dass wir mit dem Begriff Umweltverschmutzung nicht auch gleichzeitig die Verschmutzung unserer Innenwelten  ausdrücken. Es wünscht sich wohl niemand das Kino als moralische Anstalt. In der gegenwärtigen Zeit beobachten wir jedoch weitgehend das Gegenteil, ein Kino als unmoralische Anstalt und das kann auch nicht die Lösung sein. Mit der Anthologie Texte zum Geistigen im Film hat die Organisation zur Umwandlung des Kinos den ersten Band ihrer fortlaufenden Publikationsreihe veröffentlicht und versucht dort, produktive Ansätze zu finden.

Wir glauben, dass unsere geistig-seelische Verbundenheit, die Verbundenheit unserer innersten Welten, so stark ist, dass wir alle ununterbrochen, ob wir es wissen oder nicht, innigst aufeinander einwirken. Und man empfindet das sehr stark in seinen helleren Momenten, dass wir in den audiovisuellen Medien mit Dingen konfrontiert werden, die nicht legitim sind, die uns verwüsten, vergiften und seelisch lähmen. Es scheint, als wäre in unserer Kultur in dieser Hinsicht vieles über die Ufer getreten.  

Die Technik des Films ist in meinen Augen erst einmal als neutral zu betrachten. Es ist das Medium mit der größten Verbreitung und dem höchsten Wirkungsgrad. Die filmische „Wirklichkeit“ ist so kompakt, dass sie von der Menge der psychischen Energie, die sie freisetzt, sich mit der Realität messen kann. Wir empfinden das filmische Geschehen in der Regel als wahr und logisch, obwohl es doch in einem absolut künstlichen Raum stattfindet. Oft wird die akustische Wirkung des Mediums unterschätzt. Mittels Film wird Wirklichkeit in Fiktion verwandelt und diese verwandelt sich wieder in Wirklichkeit zurück. Das Fernsehen führt uns diese unheimliche Umkehrung täglich vor Augen. Während die Jugendlichen durch bestimmte, die Gewalt verherrlichende Fernseh- und Computerspiele programmiert werden, bekommen ihre Eltern durch Medien für Erwachsene eine Art Gehirnwäsche, in der es um Zerstreuung und besonders um die Einschränkung unserer Empfindungsfähigkeit geht. 

Und zunehmend sollen möglichst alle Filme zwanzig-Uhr-fünfzehn-tauglich sein. Was hat das alles zur Folge? Es ist uns z.B. allen klar, dass der materielle Fortschritt dem Menschen kein Glück bringen wird, dennoch preisen wir wie Besessene seine "Errungenschaften". 

Das rein Materielle hat sein System auch im Film fest etabliert, ist zur bestimmenden Grundlage unseres Lebens geworden. Der profitorientierte Massenmarkt übt im Film eine viel stärkere Kontrolle aus, als die Zensur sie je hatte. Das Filmwesen ist deshalb im Niedergang begriffen, weil der Film von der geistigen Welt der sogenannten Filmschaffenden losgelöst ist. Für sie stellt der Film eine angenehme Einnahmequelle und eine Möglichkeit dar, zu Ansehen zu kommen.

"Die Durchschnittsnormen des Kommerzfilmes und die gängige Fernsehproduktion verderben das Publikum auf geradezu unverzeihliche Weise, da sie es aller Kontaktmöglichkeit wirklicher Kunst berauben. Der entscheidende, ja tragische Unterschied liegt darin, dass ein künstlerischer Film bei seinem Publikum Emotionen und Gedanken weckt, während das Massenkino mit seiner besonders eingängigen und unwiderstehlichen Wirkung auch noch die restlichen Gedanken und Gefühle seines Publikums endgültig und unwiederbringlich erlöschen lässt.“ schreibt der russische Filmemacher Andrej Tarkowskij . Sein komplettes Filmwerk, seine Schriften, überhaupt seine ganze Haltung dem Leben gegenüber schätzen wir sehr. Da wird eine leidenschaftliche und liebevolle Spur gezogen, die im filmischen Bereich zu den schönsten gehört, die es in unserer Zeit überhaupt zu finden gibt. Seinen Film "Stalker" bezeichnete die Neue Züricher Zeitung als "Jahrhundertfilm". Bei einer geschlossenen Vorstellung vor der dortigen Filmprominenz erhielt der Film nicht enden wollende stehende Ovationen und frenetischen Beifall. Tarkowskij  spricht von der Verantwortung des Filmregisseurs für die Seelen seiner Zuschauer. "Denn die schwierigste und zermürbendste Aufgabe des Künstlers ist rein moralischer Natur: Ihm werden Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber abverlangt, und das bedeutet Aufrichtigkeit und Verantwortung gegenüber dem Zuschauer. Es ist sehr viel leichter, sich moralisch und ethisch gehen zu lassen, als sich auch nur geringfügig von egozentrisch-pragmatischen Interessen freizumachen."


Im öffentlichen Diskurs gibt es genügend Stimmen und Mahner, die auf die schädigende Wirkung der Filmindustrie und die Mainstream-Medien hinweisen. Leider finden sich dabei selten konstruktive Ansätze für ein anderes Kino, das Ergänzung und Ausgleich, das eine Alternative zum vorherrschenden Überwältigungskino bieten könnte. Dieser Mangel war Motivation und Auslöser für unserer Anthologie „Texte zum Geistigen im Film“.

Das Geistige im Film ist ein noch unentdeckter Kontinent, ein Kapitel der Filmgeschichte, das noch nicht wirklich aufgeschlagen wurde. Es sollte uns nicht genügen, immer wieder die gleiche Form des Kinos zu reproduzieren. Um etwas in unserem Leben wahr werden zu lassen, müssen wir es vorher gesehen haben.

In „Matrix“ erfährt ein Computerprogrammierer, dass die Welt nur ein Computerprogramm ist. Wir sehen das als ein Bild für die Ahnung unserer Zeit, in der wir als eigentlich auch geistige Wesen weitgehend in der materiellen Welt verhaftet bleiben. Und das eigentlich Schockierende liegt in dem Verlust unserer Empfindungsfähigkeit und der damit verbundenen Unmöglichkeit zum Zugang zu unseren geistigen Innenwelten.

Es wäre verfehlt und unrealistisch, das derzeitige Filmsystem angreifen oder gar abschaffen zu wollen, aber es bedarf dringend der Ergänzung und des Ausgleichs. Was den meisten Filmen fehlt, ist nicht das technische Vermögen, sondern der emotionale und geistige Reichtum. Im Grunde wäre das Fernsehen ein ideales Medium, den Zuschauer Erfahrungen mit neuen Formen mach zu lassen, ihre Wahrnehmungsmöglichkeiten zu erweitern. Bei einer so großen Anzahl von Fernsehkanälen sollte es sich unsere Gesellschaft zur Aufgabe stellen, zumindest einen "Leuchttum" zum Brennen bringen. Wenigstens einen Fernsehkanal zur Schutzzone zu erklären, auf dem sich der Zuschauer sicher fühlen könnte, weil der Fernsehdirektor und die Gremien bei der Auswahl des Programms die Verantwortung für die Seelen ihrer Zuschauer im Blick hätten. Keine Zerstreuung, sondern Sammlung. Gerade in Anbetracht der kollektiv erbrachten Rundfunkgebühren sollte ein solches Vorhaben umgesetzt werden. Lebendiges Leben eingebettet in einem zeitlos, geistigen Organismus.

Dort könnten die europäischen Pioniere Robert Bresson, Ingmar Bergmann, Luis Buñuel geehrt werden, Piere Paolo Pasolinis Das 1. Evangelium Mathäus (1964) und Karl Theodor Dreyers Das Wort (1955), Der Himmel über Berlin (1987) von Wim Wenders oder der amerikanische Filmklassiker Lost Horizon (1937) von Frank Capra gezeigt werden. Und aus dem asiatischen Kino bieten sich die Filmwerke von Akira Kurusava und Yasujiro Ozu. In Rashomon (1954), ein Klassiker des japanischen Kinos, stellt das Erleben eines scheinbar für alle Beteiligten gleichen
Geschehens als subjektiv sehr verschieden dar und zieht damit die objektive ethische Urteilsfähigkeit des Menschen in Zweifel. Ebenso ist der Film Warum Bodhi Dharma in den Orient aufbrach (1989) von Young-kyon Bae zu erwähnen. Und es sollten auf jeden Fall auch Filme aus der Bildenden Kunst gezeigt werden wie Cellophane Wrapper (1970) von David Rimmer, Pas des Deux (1968) von Norman McLaren und Lapis (1966) von James Whitney, nicht zu vergessen die Arbeiten von Jordan Belson.

Der Versuch, vermeintlich absolute Maßstäbe für geistige Kunst aufzustellen zu wollen, wäre verfehlt. Jeder muss selbst lernen, dies nach eigener Art und Färbung in seinem Inneren für sich zu erspüren. Genau dazu wäre ein Kanal dieser Art geradezu ideal. Die Filmkunst als Ausdruck und Weg unseres geistigen und seelischen Erwachens. Und als Mittel und Medium unserer Selbstgestaltung. Eine wirkliche Gesundung könnte erst dann in gesellschaftlicher Breite eintreten, wenn Akzeptanz und Unterstützung aus Reihen der verantwortlichen kulturellen Entscheidungsträger erfolgen würde.

Im letzten Essay der Anthologie weist die Organisation zur Umwandlung des Kinos darauf hin, dass der Impuls zu einem wirklich anderen Blick auf den Menschen noch nicht im Raum steht. Das gilt auch für diejenigen Filmemacher, die wir aufgrund ihrer eindrucksvollen filmischen Form schätzen
und verehren, wie etwa Ingmar Bergmann, Andrej Tarkowskij oder in jüngerer Zeit Béla Tarr; die von ihnen gefundene Bildsprache und die befreite entfesselte Kamera sind von apokalyptischer Melancholie geprägt und zeigen fast ausschließlich verzweifelte Menschen. Im antiken Griechenland, in Teilen der Kultur des Mittelalters und besonders in der italienischen Renaissance finden sich noch Spuren einer grundsätzlich anderen Kunstauffassung, in der die Künstler ihrem
Publikum ‚vor-bildeten‘, was diese zu werden fähig wären. Sie zeigten nicht, wie ihre Zeitgenossen wirklich waren, sondern wie sie sich gesehen wissen wollten, stets durchdrungen von dem starken Willen zur geistigen Erhöhung. Die Mächtigen der äußeren Gewalt wussten sehr genau, was sie
diesen grossen Bildnern ihrer Zeit zu danken hatten. Dieses Prinzip sollte auf die heutige Filmkunst angewendet werden. Die abendländische Kultur scheint trotz der Frohen Botschaft von einer deprimierenden Erkenntnis tief geprägt; wir können die Tiefe des Menschseins nur noch in der Trauer, im Drama und in der Tragödie empfinden. Wir scheinen verlernt zu haben, die Tiefe unseres Seins auch in der Freude erleben zu können. Das Kino hätte das große Potential, ein Ort zu sein, an welchem dem Ewigen wieder Raum und Ausdruck verliehen werden könnte.